Gattung


Gattung

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Gat|tung ['gatʊŋ], die; -, -en:
Gruppe von Dingen, Lebewesen, die wichtige Merkmale oder Eigenschaften gemeinsam haben:
eine Gattung in der Dichtung ist das Drama; die Kuh gehört zur Gattung der Säugetiere.
Syn.: Art, Genre, Kategorie, Sorte, Zweig.
Zus.: Kunstgattung, Literaturgattung, Pflanzengattung, Tiergattung, Warengattung.

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Gạt|tung 〈f. 20
1. 〈Biol.〉
1.1 Gesamtheit nächstverwandter Arten
1.2 〈biolog. Systematik〉 obligatorische Kategorienstufe zwischen Art (Spezies) u. Familie
2. Gesamtheit von Dingen, die in wesentlichen Eigenschaften übereinstimmen, in unwesentlichen Eigenschaften jedoch voneinander abweichen
3. 〈Lit.〉 Kategorie zur Klassifikation von Dichtung u. Literatur in der Literaturwissenschaft
● die Iris gehört zur \Gattung der Iridazeen; Roman, Novelle und Kurzgeschichte gehören zur \Gattung der Epik, der epischen Dichtung [→ Gatte]

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Gạt|tung , die; -, -en [zu gatten]:
1.
a) Gesamtheit von [Arten von] Dingen, Einzelwesen, Formen, die in wesentlichen Eigenschaften übereinstimmen:
-en der bildenden Kunst sind Baukunst, Plastik, Malerei;
Menschen, Waren, Schiffe, Lokomotiven jeder G. (unterschiedlichster Art u. Herkunft);
die schöne Literatur gliedert sich in die drei -en Lyrik, Epik und Dramatik;
b) Kurzf. von Waffengattung.
2. (Biol.) Gesamtheit nächstverwandter Arten von Lebewesen (als zwischen Art u. Familie stehende Einheit im System der Lebewesen):
verwandte -en;
diese G. von Tieren ist ausgestorben;
Zuckerahorn gehört zur G. Ahorn.

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Gattung
 
[zu mittelhochdeutsch gaten »sich vereinigen«],
 
 1) allgemein: Gesamtheit von Einzeldingen, -wesen, die in wesentlichen Eigenschaften übereinstimmen.
 
 2) Anthropologie: Homo.
 
 3) bildende Kunst: Man unterscheidet die Gattungen Baukunst, Plastik, Malerei und Grafik. Im Mittelalter und auch noch in der Renaissance wurde hinsichtlich der Funktion und der Thematik lediglich zwischen religiösem und profanem Werk unterschieden. Im Barock begann man, in der Malerei zwischen einzelnen Bildgattungen zu differenzieren: Altarbild (Retabel), Andachtsbild, Architekturbild, Blumenmalerei, Genremalerei, Gruppenbild, Historienmalerei, Interieur, Landschaftsmalerei, Marinemalerei, Porträt, Stillleben, Tierdarstellungen, Vedute.
 
 4) Biologie: Gẹnus, systematische Kategorie, in der verwandtschaftlich einander sehr nahe stehende Arten zusammengefasst werden; sie tragen dann denselben Gattungsnamen, der stets der erste, großgeschriebene Teil eines wissenschaftlichen Tier- oder Pflanzennamens ist; z. B. gehören Löwe und Leopard beide in die Gattung Panthera.
 
 5) Literaturwissenschaft: Dichtungsgattung, Begriff zur Bildung von Textgruppen unterschiedlichen Umfangs aufgrund gemeinsamer Merkmale (Form, Stoff); Bezeichnung sowohl für die sogenannten »Naturformen der Poesie« (Goethe) und ihrer Unterteilung in kleinere Einheiten (Genres, Textsorten), wie zum Beispiel Ode, Roman, Tragödie usw., wie auch für die Zweck- und Gebrauchsliteratur. Die vielfältigen Ansätze zur Bestimmung literarischer Gattungen lassen sich zwei Hauptrichtungen zuordnen: Während die eine normativen, geschichtsphilosophischen oder anthropologischen Prinzipien folgt, betont die andere den kommunikativen und historischen Charakter und lehnt sich damit eng an die Geschichte der Literatur an.
 
Von der Antike bis etwa zur 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts lieferten Poetiken (im Rahmen der Rhetorik) für die einzelnen Gattungen jeweils spezifische Anweisungen und Musterbeispiele (praecepta, exempla), an denen sich Erschaffung und Beurteilung literarischer Werke ausrichteten. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die unterschiedlichen Gedichtformen unter der Bezeichnung Lyrik zusammengefasst und die didaktische (lehrhafte) Poesie und andere Zweckformen (Brief, Tagebuch, Essay) aus dem Bereich einer sich autonom erklärenden Dichtung ausgeschlossen. Nach der Verabschiedung der normativen Gattungspoetik, die in der Spätaufklärung begann, kam es zu der heute geläufigen Reduktion auf die drei »Darstellungsweisen« (Hegel) oder »Naturformen der Poesie«: »die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama« (Goethe). Die Gattungstrias wird anthropologisch hergeleitet und geschichtsphilosophisch fundiert. Sie bestimmte das 19. Jahrhundert und wirkt noch bei Emil Staiger nach, wenn er das »Lyrische, Epische und Dramatische« als Ausdruck menschlicher Grundbefindlichkeiten begreift. Eine entschiedenere Konsequenz aus der Überwindung der Gattungspoetik zogen die Romantiker, wenn sie für die Moderne die Vereinigung aller Gattungen in einer »progressiven Universalpoesie« (F. Schlegel) forderten. Hieran knüpften Literaturtheoretiker an, die eine Existenz von Gattungen leugnen (B. Croce).
 
Nicht-normative Konzepte verstehen Gattungsbegriffe als soziokulturelle, historisch variable Konsensbildungen. Ihnen stellen sich Gattungen dar als »institutionalisierte Organisationsformen literarischer Kommunikation, in denen spezifische Welterfahrungen sedimentiert sind« (W. Voßkamp) und die besondere Funktionen in ihrem gesellschaftlichem Umfeld erfüllen. Auf die Ordnungsleistung literarischer Gattungserwartungen können weder Literatur noch Literaturwissenschaft verzichten, mag auch die Zuordnung einzelner Werke zu bestimmten Textgruppen strittig sein.
 
 
W. V. Ruttkowsky: Die literar. G. (Bern 1968);
 K. R. Scherpe: Gattungspoetik im 18. Jh. (1968);
 M. Fubini: Entstehung u. Gesch. der literar. Gattungen (a. d. Ital., 1971);
 K. W. Hempfer: Gattungstheorie (1973);
 
Die G. in der Vergleichenden Literaturwiss., hg. v. H. Rüdiger (1974);
 P. Szondi: Poetik u. Geschichtsphilosophie, Bd. 2 (1974);
 
Textsortenlehre - G.-Geschichte, hg. v. W. Hinck (1977);
 K. Müller-Dyes: Literar. G. (1978);
 G. Willems: Das Konzept der literar. G. (1981);
 E. Staiger: Grundbegriffe der Poetik (Neuausg. 51983);
 A. Fowler: Kinds of literature (Neuausg. Oxford 1985);
 
Regelkram u. Grenzgänge. Von poetischen G., hg. v. E. Lämmert u. D. Scheunemann (1988);
 W. Voßkamp: Gattungen, in: Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs, hg. v. H. Brackert u. a. (62000).
 
 6) Logik: Gẹnus, die übergeordnete Zusammenfassung mehrerer Gegenstandsbereiche, die dann Arten (lateinisch species) genannt werden. Die Gattung stellt also eine Verallgemeinerung dar. Der Umfang (Extension) des Gattungsbegriffes (z. B. Baum) ist größer, sein Inhalt (Intension) hingegen kleiner als der der zugehörigen Artbegriffe (Eiche, Buche usw.). Die Unterscheidung Art/Gattung ist in der Logik - im Unterschied zur Biologie - relativ: Eine Gattung kann selbst wieder Art in einer übergeordneten Gattung sein. In der modernen, mengentheoretisch orientierten Logik wird die Gattung durch die Obermenge ersetzt.
 
 7) Musik: zusammenfassende Bezeichnung für Musikwerke, für die übergeordnete gemeinsame Kennzeichen zutreffen (z. B. Oper, Oratorium, Kantate, Sinfonie). Auch die Form kann Definitionsmerkmal einer Gattung sein, jedoch in keinem Falle sie allein. Bis ins 18. Jahrhundert waren es v. a. Funktion, Textgehalt und -struktur sowie Kompositionstechnik, die eine Gattung ausmachten; danach traten Besetzung, Form, ästhetischer Anspruch und »Ton« stärker hervor. Mit der wachsenden Individualisierung der Werke in der Kunstmusik verliert der Gattungsbegriff an ordnender Kraft.
 

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Gạt|tung, die; -, -en [zu ↑gatten]: 1. a) Gesamtheit von [Arten von] Dingen, Einzelwesen, Formen, die in wesentlichen Eigenschaften übereinstimmen: -en der bildenden Kunst sind Baukunst, Plastik, Malerei; das Fertigungsprogramm ... findet seinen Hauptträger in dem einreihigen Mantel, wobei 2 -en das Fundament bilden, ... der Mantel mit Kugelärmel sowie der Mantel mit Raglanärmel (Herrenjournal 3, 1966, 48); Menschen, Waren, Schiffe, Lokomotiven jeder G. (unterschiedlichster Art u. Herkunft); die schöne Literatur gliedert sich in die drei -en Lyrik, Epik und Dramatik; b) kurz für ↑Waffengattung: Hab' mich übrigens freiwillig gemeldet ... Rat mal, zu welcher G. (Grass, Katz 116). 2. (Biol.) Gesamtheit nächstverwandter Arten von Lebewesen (als zwischen Art u. Familie stehende Einheit im System der Lebewesen): verwandte -en; diese G. von Tieren ist ausgestorben; Zuckerahorn gehört zur G. Ahorn. ∙ 3. Weise (1): wie das keine Art und G. hätte, sich so zu verköstigen (Gotthelf, Spinne 11).

Universal-Lexikon. 2012.

Synonyme:

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